Sekretariat Kerzers

Jahreslosung 2023

Bild flower (Foto: Matthias Galli)

„Du bist ein Gott der mich sieht.“ Gen 16,13
Pfarrer Matthias Galli,
Allzu oft und allzu gerne wurde und wird aus diesem biblischen Vers heraus ein Gottesbild interpretiert, das einen Gott zeichnet, der uns Menschen überwacht und bespitzelt. Eine moralische Überinstanz, welche unsere kleinsten Verfehlungen, geschehen sie auch im Verborgensten, bemerkt und fein säuberlich auflistet.
Allzu oft gab und gibt es in der Kirche Menschen, welche dieses Gottesbild nur allzu gerne für ihre Anliegen in Anspruch nehmen, um damit anderen Menschen mit diesem absoluten Überwachungstyrannen zu drohen. Einem Tyrannen, dessen misstrauischer Blick die Gegenwart fixiert und die Vergangenheit sehr genau dokumentiert.
«Wehe, ihr denkt dieses oder jenes… Gott sieht alles!»
«Wehe ihr tut dieses oder jenes… Gott sieht alles!»
***
Was für eine Verkehrung. Was für ein Missbrauch biblischer Sprache. Ich widerspreche aus tiefstem Herzen und mit meinem ganzen Glauben!
Wer solches denkt oder verlauten lässt, hat die biblische Geschichte von Hagar, aus deren Munde dieser Satz stammt, nicht ganz zu Ende gelesen. Und er verwechselt in seiner kurzsichtigen Engstirnigkeit wohl eher etwas mit George Orwell’s «Big Brother is watching you» aus dem Roman 1984.
Denn dieser kurze biblische Vers ist keine Drohung, sondern eine Tröstung!
Er tröstet die schwangere Hagar, die vor Sara, Abrahams Frau, und deren Erniedrigungen in die Wüste floh. Er tröstet Hagar, die Magd Saras, welcher zuvor von ebendieser befohlen wurde, mit Abraham, als unfreiwillige Leihmutter, einen Sohn zu zeugen (Gen 16). Er tröstet Hagar, die zukünftige Mutter Ismaels, dem Erstgeborenen Abrahams, welcher nach biblischem Bericht als Stammvater der Araber gilt (Gen 25). Er tröstet Hagar, welche später mit ihrem Sohn, von Sara aus dem Haushalt Abrahams verstossen, ein zweites Mal verzweifelt und dem Tode nahe in der Wüste sitzt (Gen 21). Als hätte sie nicht schon genug erduldet und erlitten.
Und dieser biblische Vers, diese Worte aus Hagars Munde, trösten sie eben in dem Sinne, dass sie ihr versichern: Gott wendet sich mir zu. Er sieht mein Elend und meinen Schmerz. Er hört mein Weinen und Klagen. Er will mich befreien aus dem Schatten meiner Vergangenheit und mir eine neue Zukunft eröffnen. Er will mir Quelle neuen Lebens mitten in der Wüste sein. Und er wird Wort halten. Denn er hat mich bereits gesehen.
***
„Du bist ein Gott der mich sieht.“
Nein, dieser Vers ist keine Drohung und darf als solche niemals interpretiert werden. Ganz und gar nicht. Denn es ist ein Vers der tröstenden Befreiung. Ein Vers der tröstenden Befreiung aus aller Verstrickung und Verzweiflung, in denen ein menschliches Leben stecken kann. Ein Vers, der uns Menschen die Gewissheit schenken möchte: Gott bleibt auch in weitester Ferne noch der Gott, der dich hört und sieht. Denn Gottes Blick auf uns Menschen ist ein Blick der Gnade, Liebe und Barmherzigkeit. Tröstend und befreiend.
Tröstend und befreiend auch für uns Menschen im Hier und Jetzt. Deshalb reden Sie mit ihm. Reden Sie auch mit ihm, wenn Sie nichts von ihm spüren. Reden Sie auch dann mit ihm, wenn er Ihnen abhanden zu kommen droht. Reden Sie sogar dann mit ihm, wenn Sie meinen, ihren Glauben verloren zu haben. Reden, bitten, danken, klagen, flehen, schreien, ja fluchen Sie sogar, wenn es nicht anders geht - wie auch immer. Es ist ein Gott, der auch Sie sieht. Tröstend und befreiend.
Versuchen Sie’s doch. Sie können wirklich nichts falsch machen. Es ist wiederum nur ein kleiner Schritt. Sie haben auch in diesem Jahr nichts zu verlieren.
Pfarrer Matthias Galli
Bereitgestellt: 01.01.2023     Besuche: 31 Monat